Mein letzter Arbeitstag liegt seit heute hinter mir. Nach nun fast 3 Monaten im Outback geht meine Reise nun morgen weiter und ich werde wieder Staedte und Menschen sehen. Endlich. Doch ich kann mit stolz und vieler guter Erinnerungen auf meine Zeit im Busch zurueckblicken: riesige Traktoren ueber schier unendliche Weiten steuern, mit dem Bulldozer neue Felder und Wege im Busch ergruenden, bei Sonnenuntergang vom Pumpturm auf gluehende Buschfeuer blicken, Sonnenblumen auf 2000 Hektar pflanzen, bewessern und noch viel schoener – sie alle bluehen und sich zur Sonne drehen sehen, eine Herde von 3000 Kuehen bei Sonnen Auf- und Untergand 350 Kilometer durch den Busch zu treiben, reiten und campen, 400 Kaelber kastrieren, enthornen, brandmarken und impfen, Bullreiten, jeden Tag mit einem Toyota Landcruiser durch atemberaubende Gegenden fahren, mit Spritzflugzeugen im Tiefflug ueber Wuestenebenen jagen, Kaengurus schiessen und essen, Wildschweine mit Hunden Jagen, Emus mit dem Lasso fangen, Wasserski auf malerischen Flusslandschaften laufen, Ueberflutungen erleben und mit dem Boot etliche Stunden lang zum naechsten Geschaeft fahren, abgeschnitten sein, die einzigen menschlichen Lebewesen im Umkreis von 300km zu sein, kein Telefon und kein Internet zu haben, nur einen Fernseh- und einen Radiokanal haben, nur Flusswasser zum Duschen, Kochen, Trinken und Waschen haben, kaum einen Tag unter 43 Grad im Schatten haben, und kaum eine Nacht unter 30 Grad, die King-Brown Snake als Tier abkzeptieren und Angst abbauen.
Diese Liste ist nur ein kleiner Einblick in mein Leben hier am Rande der Ueberlebensgrenze. Doch ich hatte das grosse Glueck einen phaszinierenden Einblick in das harte und unvorhersagbare Leben der Outback Farmer und Cowboys zu bekommen.
Aber jetzt geht es weiter. Raus aus der Hitze und raus aus der Einsamkeit. Mein Ziel ist Melbourne, wo ich zum Formel 1 Rennen gehen werde, Tasmanien und die Great Ocean Road.
Wie man vielleicht merkt fehlt etwas. Richtig. Ziemlich unweit von Melbourne und auf meinem Weg Richtung Sueden liegt Canberra (Kaenbra), die Hauptstadt Australiens. Warum also um alles in der Welt sollte ich dort nicht einen Zwischenstop machen? Gruende dafuer wurden mir viele genannt. Einige davon moechte ich hier einmal reflektieren.
Obwohl Canberra heute eine der groessten Staedte Australiens und eine der bedeutendsten, am Reisbrett entworfenen, auf Erden ist, bleibt sie doch die grosse Unbekannte. Fuer eine Hauptstatte ist sie immer noch schwer erreichbar. Nein unerreichbar waere wohl der bessere Ausdruck. Sie liegt hundert Kilometer vom Hume Highway entfernt, der Hauptverbindungsstrasse zwischen Melbourne und Sydney und wir von den wichtigsten Eisenbahnstrecken links liegen gelassen. Die Hauptausfallstrasse nach Sueden fuehrt eigentlich nirgendwo richtig hin, und von Westen her kann man die Stadt nur auf einer Lehmpiste von einem kleinen Ort (Tumut) aus erreichen. Soviel zur geographischen Lage. Nun zur sozio-economischen.
1996 sorgte Premierminister John Howard fuer Unruhe, weil er nach seiner Wahl nicht in Canberra wohnen wollte. Er werde in Sydney bleiben und nur fuer politische Pflichten nach Canberra fahren, verkuendete er. Man kann sich ja vorstellen, wie entruestet die Buerger Canberras wahren (aber vermutlich nur, weil sie selbst noch nicht auf die Idee gekommen waren). Das ganze erhielt noch dadurch einen besonderen Pfiff, dass John Howard der bei weitem langweiligste Mann Australiens ist. Man kann sich einen engagierten Bestattungsunternehmer vorstellen, der sich, seit er elf Jahre alt ist, nichts sehnlicher wuenscht, als Bestattungsunternehmer zu werden, und dessen stolzeste Leistung als Erwachsener es ist, zum Vorsitzenden des Queanbeyan and District-Bestattungsunternehmerverbandes gewaehlt zu werden. Dann halbiert man seine Persoenlichkeit und halbiert sie noch mal. Dann hat man John Howard, wie er leibt und lebt. Wenn ein so farbloser Mann wie er ueber eine Stadt die Nase ruempft, dann weiss man, es muss sich lohnen, da mal einen Blick drauf zu werfen. Ich zittere also nicht gerade vor ungedult und werde, wie so viele andere, Canberra einfach links liegen lassen.
Vielse Gruesse in die Heimat, ich hoffe ihr hattet einen schoenen Karneval,
Dinki-Di-Aussi