Nachdem ich die Ostertage eher unaufregend im langweiligen Krankenhaus verbracht hatte, konnte ich nicht darauf warten am Dienstag morgen auf den Overland Track zu gehen.
Der Overland Track ist ein 81km langer Trampelpfad, der von Norden nach Sueden durch den Cradle Mountain Nationalpark, das hoechstrangigste UNESCO Welterbe, fuehrt. Wir planten mit mindestens 5 Naechten im Zelt oder in einer der spartanischen Bretterhuetten entlang des Pfades, auf die man sich allerdings nicht verlassen konnte, da sie sehr klein und je nach dem schon mit 8 Leuten voll sind, oder man sie je nach Wetterlage nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen kann. So mussten also Zelte, Kochausruestung, Lebensmittel, und Kleidung fuer 4 Jahreszeiten (die man oft an einem Tag erleben kann) mitgeschleppt werden. Mein Rucksack war mit 24kg bis unter den Rand gefuellt und offensichtlich viel zu schwer, doch wir sollten jedes Teil unserer Ausruestung noch brauchen werden.
Am Dienstag morgen um 8 Uhr verliessen wir das Basecamp im Cradle Valley, mit dem Ziel unser erstes Nachtlager im Waterfall Valley zu erreichen. Der erste Tag sollte der schwierigste und laengste sein, da an diesem, mit dem Ueberqueren des Cradle Mountains, die meisten Hoehenmeter gemeistert werden mussten. Es war bewoelkt und mit 6 Grad ueber Null ein optimales Wander Wettter. Je hoeher wie jedoch stiegen um so nebliger und naesser wurde es. Nach einer Stunde war unsere Sicht schon auf 100 Meter eingeschraenkt und mein Rucksack lag viel zu schwer auf meinen Schultern, da ich die Bauchhalterung auf Grund der Operation noch nicht benutzen konnte. Die Steine waren rutschig und wir mussten hoellig aufpassen, wo wir unseren naechsten Schritt taten. Kurz nach Mittag hatten wir den Aufstieg hinter uns und es ging ueber Hoehenplataus in Richtung Waterfall Valley. Der Nebel verzog sich und die Sonne kam aus. Fuer die naechsten 4 Stunden hatten wir brillantes Wetter und eine unglaubliche Sicht auf Barns Bluff, eine Gebirgsformation westlich unseres Nachtlagers. Wo wir voellig erschoepft, aber gluecklich eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit eintrafen und wir beschlossen in der alten Berghuette zu schlafen. Unsere Gaskocher wurden ausgepackt und die fertig Nudeln in frischem Gebirgswasser gekocht, da die Huette direkt am Fusse eines tosenden Wasserfalles stand. Noch waehrend des Kochens trafen Nathan und Ray, Vater und Sohn aus Melbourne, die sich seit 3 Jahren nicht mehr gesehen hatten und sic dazu entschlossen hatten zusammen den Overland Track zu gehen, und Bieke eine Belgerien aus Hasselt mit Robert, einem Backpacker und bekennendem Sozialisten aus Dresden, ein, um in der gleichen Huette unterschlupf fuer die Nacht zu suchen. Diese stellte sich als bitter kalt heraus und wir fanden nur wenig schlaf. Hinzu kam, dass ich nur auf dem Ruecken schlafen konnte, da mein nicht mehr vorhandener Blinddarm noch zu sehr schmerzte.
Bei Tagesanbruch waren wir also alle wieder auf den Beinen und hatten ein Dingo Fruehstueck (Have a sip of water and slowly look around), wie es die Aussies nennen. Aus dem Fruehnebel tauchte nun auch noch ein Ranger auf, der uns vor sehr schlechtem Wetter an diesem Tag warnte und uns rat nur 3 Stunden bis zur naechsten Nothuette zu laufen und dort einen Schneesturm vorrueberziehen lassen sollten. Dies passte allerdings nicht in unseren Zeitplan, da geplant war am naechsten morgen Mount Osa zu besteigen, der hoechste Berg der Insel. Nach vielerlei Diskussion entschloss sich ein Teil der Gruppe sich durch den Schnee zu kaempfen, waehrend ich entschied mit Nathan, Ray, Bieke und dem Sozi nur bis zur naechsten Huette zu schreiten, was sich als hervorragende Idee herausstellte, da wir mit wagerechtem fliegendem Hagel zu kaempfen hatten und just als wir Windemere, eine Nothuette, erreicht hatten startete der Schneesturm. Nach 20 Stunden Warterei, lustigen Diskussionen mit Robert dem Lafontaine Fan und totalem Huettenkoller konnten wir am naechsten Morgen wieder auf brechen, da sich der Schnee in Dauerregen und Nebel verwandelt hatte. Der Pfad war von nun an ein fliessendes Baechlein und Aufstiege waren Kaempfe durch kleinere und groessere Wasserfaelle und das bei Temperaturen um die 1,5 Grad. Es machte allerdings keinen Sinn auf besseres Wetter zu warten, da die Vorheresage keine Besserung in Sicht stellte. Nach 5 Stunden mussten wir dann erschoepft, durchnaesst und demoralisiert eingestehen, dass es besser waere den Tag einen Tag zu nennen, und wieder einmal zu Rast zu gehen. Diesmal in unseren Zelten, die Gott sei Dank dem Wetter stand hielten. Ray, der nur gemietete Ausruestung mit sich trug, klagte ueber starke schmerzen in den Schultern und Knien, da sein Rucksack nicht auf seinen Koerperbau abgestimmt war, und so konnten wir uns von dieser Sekunde an australisches Gejammere anhoeren, was fuer europaeische Ohren eine amuesant, humorvolle Melodei ist, da Aussies von Natur aus mit Sarkasmus gefuellt sind. An diesem Abend heiterten uns allerdings Wallabies, Wambats, Opossums, ein Schnabeltier, ein Ekitna und ein Vogel, dem es gelang die Reisverschluesse unserer Zelte zu oeffnen, um nach Futter zu suchen, auf. Und da wir schon auf dem Weg zwei tasmanische Teufel sehen konnten, war unsere Wildlife Experience komplettiert.
Die naechsten Tage ging unsere Reise dann durch Regenwaelder, die ihrem Namen alle Ehre machten, und diverse Hochmohre. Wir wurden wieder nass und kalt und es schmerzte bei jedem Schritt und Rays fluchen lag in unser aller Ohren. Hin und wieder sausten Nick und Magaretha, aus Neuseeland, an uns vorbei, um auf einem anderen Seitenpass einen besseren Weg zu finden. Diese beiden fanden dann auch eines Nachts in der New Pelion Huette unterschlupf, in der auch wir uns versuchten an einem Kaminfeuer aufzuwaermen (Nasses Holz brennt schlecht). Nick lies uns wissen, dass zwei Schwestern (75 und 78 Jahre alt) auch auf dem Weg zu dieser Huette seien. Sie seien allerdings erfahrene Bergsteiger und sollten es vor Anbruch der Dunkelheit schaffen. Pustekuchen! Zwei Stunden nachdem das letzte Tageslich hinter den Bergen, die man auf Grund von Nebel nie sehen konnte, verschwunden war, waren die zwei alten Damen noch immer nicht bei uns. So gingen wir auf die Suche. Nach anderhalb Stunden herumgestochere im stockdunklen Regenwald fanden wir sie dann auch. Betend sassen sie um zwei Teelichter, und warteten darauf, dass sie jemand findet, da sie keine Lampen bei sich hatten und die Orientierung verloren hatten (was fuer eine Ueberraschung!). Auf dem Weg zur Huette blieben sie allerdings weiterhin Stur und wollten sich ihre Rucksaecke, die schwerer waren als unsere) nicht abnehmen lassen. In der Huette selbst fingen sie dann froehlich an ihr abendessen mit Gasbrennern zuzubereiten. Ein Gasbrenner und ein zu nah an diesen herangestellter Rucksack fing Feuer. Nicht nur, dass diese zwei Damen ihr eigenes Leben auf dem Weg riskieren, nein!, sie versuchen auch noch eine halbe Stunde spaeter die Huette abzubrennen. Nick, der Kiwi, packte allerdings reflexartig den gasbrenner und den brennenden rucksack und schleuderte es zur Tuer hinaus. Mit dem in der Huette haengendem Funkgeraet riefen wir dann gegen den Willen der Damen einen Hubschrauber zu Hilfe um die zwei abholen zu lassen, da einer ihrer Rucksaecke samt Ausruestung, bis auf das Drahtgestell heruntergebrannt war. Nach weiteren 1,5 Stunden Diskussion hatten wir die Zwei dann am naechsten morgen im Hubschrauber auf dem Weg nach Hause, zum Eigenschutz versteht sich. Der restliche Teil der Wanderung gestaltete sich aehnlich nass und ungemuetlich und wir waren gluecklich, als wir am Samstag Abend auf die Faire, die uns ueber den See St Claire, dem tiefsten See Australiens, zum Ende des Nationalparks brachte. Natuerlich kam puenktlich als wir auf dem Boot sassen die Sonne heraus mit einer Vorhersage auf 5 Tage Sonnenschein.
Mit Ray, Nathan, Bieke und Robert haben wir uns sofort eine Luxushuette am Ufer des Sees gemietet, um eine ruhige und warme Nacht zu haben und um in der Seebar den wohl besten Kaenguru Buerger der Welt zu essen und den Trip mit einem Bier ausklingen zu lassen. Zusammenfassend kann man sagen, dass wir trotz, oder gerade wegen des schlechten Wetters, eine Erfahrung gesammelt haben, die wir so schnell nicht wieder vergessen werden. Es hat Spass gemacht und wir haben Kameraden fuers Leben gefunden (Abgesehen vom Genossen aus der DDR) im wohl schoensten Nationalpark auf Erden, der uns das Gefuehl gegeben hat durch Herr der Ringe, Jurassic Park, Winitou und zahlreiche Postkartenmotive zur gleichen Zeit zu schreiten. Und wenn uns irgendjemand erklaeren will, dass das Barrier Reef oder der Uluru oder was auch immer ein besserer Fleck auf Erden ist,….. dem koennen wir nur mit einem milden und zufriedenem Laecheln begegnen… niiiieeemaaals!
Jetzt heisst es erstmal ausspannen, Elektrizitaet geniessen und dann Mitte der Woche wieder ueber die Bassstrasse mit der „Spirit of Tasmania II“ nach Melbourne zu fahren um fuer die Great Ocean Road zu planen und Nathan und Ray wieder zu treffen, um zusammen eine Packung fertig Nudeln mit einem Muesli Riegel in St. Kilda zu geniessen.
Gruesse in die Heimat! G’day!

